La Plata

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Seit zwei Tagen bin ich an meiner diesjährigen Weihnachtsdestination, bei der Tochter einer Halbcousine, in La Plata (Provinz Buenos Aires). Es ist schön zu den Feiertagen in einem familiären Umfeld willkommen zu sein.

Eine Halbschwester meines Vaters ist den 1920-er Jahren nach Argentinien ausgewandert. Eine 91-jähriger Tocher von ihr lebt noch. Die Begegnung mit ihr war etwas humoristisch: Sie ist zwar körperlich noch fit, aber geistig lebt sie in einer eigenen Welt, die sich etwa 30 Jahre in der Vergangenheit befindet. Sie fühlt sich wie 60 und wundert sich, dass die Frau, die behauptet ihre Tochter zu sein bereits graue Haare hat. Ausserdem leben in ihrer geistigen Welt noch ihre Eltern und sämtliche Geschwister. Sie erzählt also von der Vergangenheit so als ob sie im Hier und Jetzt wäre. Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch gut und sie spricht akzentfrei deutsch, obwohl sie ständig zwischen den beiden Sprachen wechselt. Was wir anscheinend gemeinsam haben, ist die Freude an deftigen Wortspielen zu sein. Sie benutzt gerne das Wort “mier…coles” statt “mierda”, was dem deutschen “Schei…benkleister” entspricht. Sie verwechselt mich mit einem Onkel von ihr und wundert sich, als ich sage, dass ich nicht 15 Jahre, sondern erst 3 Wochen in Argentinien bin. Und sie stellt mir im 5-Minutentakt immer wieder die selben Fragen. Und als ich mich zwischendurch mal ein Stündchen hinlegen und wieder erscheine, hat sie die vorherige Begegnung wieder komplett vergessen, weiss nicht wer ich bin und die Frage- und Erzählschleife fängt von neuem an, wie eine Schallplatte, die vor 30 Jahren hängen geblieben ist und immer in der gleichen Rille läuft. Aber für sie selber ist es wohl eine Gnade, denn so fühlt sie sich fit und muss sich nicht mit Gedanke an den eigenen Tod und den ihrer Liebsten belasten.

Bei ihrer 70-jährigen Tochter Soledad bin ich gut untergebracht und da ihre 3 Kinder aus dem Haus sind, geniesst sie es offenbar mich zu bemuttern. Mir ist es fast etwas unangenehm, wenn ich so bedient und bekocht werde, aber sie lässt es sich nicht nehmen und protestiert schon, wenn ich mich auch nur beim Geschirrspülen nützlich machen will. Das Haus ist nett geschnitten und liegt ziemlich zentral in diesem Universitätsstädtchen eine Stunde südlich von Buenos Aires. Allerdings tost auch hier Tag und Nacht gnadenlos der Autoverkehr vorbei, wie schon in Salta zu spüren, ist es in Argentinien mit der beschaulichen Ruhe vergangener Zeiten vorbei.

Ich bekomme die Auswirkungen der ersten Massnahmen des neuen Präsidenten Macri mit. Gerade mal sechs Tage ist er im Amt und schon hebt er die Devisenbeschränkungen auf. Er überlässt den neuen Wechselkurs des Peso nun dem freien Markt, was über Nacht zu einer Abwertung des Peso von 46 % führt. Innerhalb nur eines Tages gleichen sich der offizielle Kurs und der Schwarzmarktkurs an. Die vorherige Linksregierung von Christina (wie sie von ihren Anhängern vertraulich genannt wurde) hatte den Kurs künstlich festgelegt, um Vorteile bei der Begleichung von Auslandsschulden zu erzielen. Ihre Massnahmen waren vielleicht für die Binnenwirtschaft des Landes gut, aber sie führten im Ausland zu Vertrauensverlust, Investitionsstopp und in Folge zu Devisenknappheit. Meine baren Dollars sind jedenfalls jetzt nicht mehr 15 Pesos, sondern nur noch 13,7 wert….

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Am Abend habe ich Gelegenheit beim Jahresabschluss der Biodanza-Gruppe von La Plata viele schöne Begegnungen, Augenkontakte, Tänze, Umarmungen zu geniessen. Biodanza ist für mich eine tolle Gelegenheit in verschiedenen Regionen der Welt – und speziell in Südamerika – mit gleichgesinnten Menschen in alles andere als oberflächliche Kontakte einzutauchen.

Und die Weihnachtsstimmung ist hier im Sommer so gar nicht stille Nacht, heilige Nacht. Das letzte Stück, das wir tanzen, teile ich zu der folgenden Musik in einem tollen und sehr lebendigen Tanz mit einer dunkelhaarigen Schönheit:

Um Mitternacht treffe ich dann noch Mora, die Tochter von Soledad und Enkelin meiner Halbcousine in einer Musikkneipe, wo eine Freundin von ihr mit ihrer Band auftritt, einer Mischung von Tango und brasilianischem Samba. Wir unterhalten und prima und trinken noch das eine oder andere Bier:

Über das Wochenende werde ich zu einem Workshop nach Buenos Aires fahren – wieder Biodanza, geleitet von der Tochter des verstorbenen Begründers von Biodanza. Das Thema scheint mir gut zum Jahresabschluss, sowie zum Motto meiner Reise zu passen:

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Das Biodanza-Seminar fand an einer sehr schönen Location auf dem Land nördlich der Hauptstadt statt. Ein bisschen Show und viel Reden, aber trotzdem war es gut dort zu sein. Obwohl die Gruppe in La Plata für mich mehr Tiefgang hatte. Meine Sehnsucht nach bleibenden, tiefgründigen Kontakten habe ich deutlich bei einer Runde von Abschluss-Umarmungen wahr genommen. Eine Frau, die ich bisher kaum bemerkt hatte, fühlte sich so toll an – und das gegenseitig – dass wir uns gar nicht mehr loslassen wollten…Aber wieder ein Abschied, sie kommt aus Rosario, 250 km nördlich von Buenos Aires… Ich habe noch nicht mal ihre Kontaktdaten. Am Ende des Workshops ging eine Liste herum, wo man sich eintragen konnte zwecks Gründung einer Facebook-Gruppe. Ich dachte in dem Moment noch dran, dass ich mir besser ein Foto davon mache, aber ich habe es nicht gemacht. Und nun warte ich fast 3 Wochen später immer noch vergeblich auf die Gründung dieser Gruppe. Keine Ahnung was dieser Nasenbär mit der Liste gemacht hat, der gesagt hat er würde sich darum kümmern… Einen Namen hatte ich noch in Erinnerung. Ihn habe ich angeschrieben über facebook, ob er was von der Gruppe weiss, aber auch Fehlanzeige. Das sind Dinge, die mich in Argentinien zum Wahnsinn treiben. Zuverlässlichkeit scheint für mich ein wichtiger Wert zu sein…

Zu den existenziellen Fragen des Workshops &Wo leben, mit wem, was arbeiten& ist mir die komplexe Verzahnung nochmals besonders deutlich geworden. Da ich auf das &wo leben& am meisten aktiven Einfluss habe, werde ich hier besonderen Fokus drauf setzen. In der Hoffnung, dass sich die anderen Fragen dann auch mit der Zeit lösen. Also Landkommune mit netten Leuten: Wo bist du???

In La Plata habe ich Zeit herum zu streifen. Derzeit schreibe ich am Heilignachmittag aus der &republica de los ninos&, einem sozialen Experiment aus der Peron-Ära der 50-er Jahre. Hier wurde Kindern die komplette Selbstverwaltung einer kleinen Stadt mit kompletter Infrastruktur, Parlament, etc… übergeben. Selbstverständlich gemäss den Arbeiterklasse-Idealen von Evita Peron….

Gestern war ich auf den Spuren meiner Vergangenheit in Buenos Aires, das eine Stunde von La Plata entfernt liegt. Nach einer geführten Fahrradtour machte ich mich auf weitere Plätze aus der Zeit aufzusuchen, als ich 1992 für 4 Monate dort wohnte. Sogar das Haus habe ich wieder gefunden, wo ich damals mit meiner deutschen Freundin wohnte, bis sie mich wegen eines Argentiniers verliess – este hijo de puta, boludo!!! Ich weiss noch wie ich in einem schlechten Film, mich in einem Cafe gegenüber des Hauses stundenlang auf die Lauer legte, um diesen A….. zu treffen und ihn zu verprügeln. Aber dazu kam es zum Glück nicht. Aber das Cafe war noch an der gleichen Stelle…. Es war meine erste grosse Liebe gewesen, die in Buenos Aires ein Ende fand. Danach versank ich ein Jahr lang in tiefer Depression und Selbstmitleid, bis ich ein Jahre später wieder einige Monate in Argentinien weilte (in Salta) und dort meine Lebensfreude wieder fand. Dieses Land ist also für mich mit tiefen Emotionen verbunden…

Mal schauen, was sich die nächsten Tage noch so auftut. Mit den Kindern von Soledad verstehe ich mich gut und es wird wohl noch das eine oder andere Asado geben. Oder zum Schwimmen ans Meer. Vielleicht mache ich auch mal einen Ausflug rüber nach Montevideo…. Auf diese Weise kann ich mein Visum für Argentinien erneuern und noch ein paar Cash-Dollars aus dem Automaten ziehen. Trotz der Aufhebun der Devisenbeschränkungen, ist der Schwarzmarkt-Kurs für bare Dollars noch um einiges besser als der offzielle.

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Argentinien ist ein Chaos-Land. In vielen Bereichen unterentwickelt und die Knappheit und das Schlangestehen erinnert mich irgendwie an den real existierenden Sozialismus. Am Bankschalter, am Geldautomaten, an der Bushaltestelle, beim Tickets kaufen, … man muss viel Geduld und Zeit mitbringen. Wenn man mitbekommen hat wie sich durch smartphone-apps und Online-Business in Europa, Asien, Nordamerika, Australien, Neuseeland die Wartezeiten verkürzt haben und alles sofort von überall erledigt werden kann, fühlt man sich in Argentinien um mindestens 10 Jahre zurück versetzt.

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Fortschrittliche Sozialgesetzgebung der Peronisten, guter Minderheitenschutz, ein tolles Pressegesetz, Unabhängigkeit von den USA, aber auch viel Korruption und eine Ineffizienz, wo es mir die Haare aufstellt und die Zehennägel hochrollt. Kaum etwas funktioniert zuverlässig……

Weihnachten geht hier alles etwas später los – es wird ja auch erst um 9 Uhr abends statt um 5 Uhr nachmittags dunkel. So ab 21:30 Uhr trudeln die ersten Gäste ein und es wird zu Abend gegessen. Keine besondere Weihnachtsstimmung. Aber dann kurz vor Mitternacht gibt es einen Countdown wie an Sylvester, es wird mit Sekt angestossen und man wünscht sich gegenseitig frohe Weihnachten. Draussen Böller und ein paar Raketen – nix mit stille Nacht…Es geht in ausgelassener Stimmung bis nach 3 Uhr morgens weiter. Die Nacht ist warm und sternenklar und ab und hört man Autos mit voll aufgedrehter Partymusik vorbei fahren – Summerfeeling:

Am folgenden Tag bin ich eigentlich mit der jüngeren Generation gegen 13 Uhr verabredet zum Baden raus zu fahren. Ich wache mit einem ziemlichen Kater auf und bin ganz froh, dass die ersten Abstimmungen zum weiteren Verlauf des Tages, dann erst ab 15 Uhr erfolgen und wir dann um 16:30 Uhr an einen schönen Fluss fahren, der auf angenehme 30 Grad temperiert ist. Über Mittag wäre es wohl eh zu heiss gewesen…

Am nächsten Tag am Rio de la Plata:

Sylvester gab es wieder ein nettes Gartengrilfest. Aber die richtige Party ging natürlich erst weit nach Mitternacht los. Speziell nur in La Plata gibt es den Brauch Figuren aus Pappmachee und Holz zu formen, die prämiert werden und in der Neujahrsnacht verbrannt werden. An 140 verschiedenen Orten gibt es solche Figuren mit den unterschiedlichsten Motiven und verbrannt werden sie zu unterschiedlichen Zeiten. Vor dem Verbrennen gibt es jeweils ein Feuerwerk vor Ort, so dass das Feuerwerk um Mitternacht gar nicht so spektakulär war. Um 02:30 gehen wir zu einer solchen Verbrennung und es ist schon ein eindrucksvolles Spektakel. Die Hitze ist noch in 100 m in Entfernung gewaltig zu spüren und die Flammen sind mindestens 5 m hoch – ich bin froh zu wissen, dass alle Zündler vorher eine Einweisung durch die Feuerwehr absolvieren müssen:

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Im Anschluss gehen wir dann noch zu einem anderen Ort, wo nach der Verbrennung ordentlich getanzt und gefeiert wird. Sylvester als Sommerfest hat schon eine ganz andere Energie:


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Cordoba

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Von Cafayate aus fahre ich mit dem Bus weiter Richtung Süden. Schon bald ist die Provinzgrenze von Tucuman erreicht. Der Bus windet sich durch trockene Wüsten-Landschaft auf über 3000 m hoch. Ab der Passhöhe ändert sich die Landschaft komplett: Grüne Wälder, Seen, saftige Wiesen. Meine Busnachbarin, eine Yogalehrerin aus Buenos Aires, die sich gerade hier auf dem Land ein Haus gekauft hat, klärt mich auf, dass es in der Provinz Tucuman 25 verschiedene Mikroklimas gibt. Nach 6 Stunden, die dank interessater Unterhaltung recht kurzweilig sind, kommen wir in der Hauptstadt der Provinz an. Dort schlägt uns schwülwarme Luft entgegen – abends um 20 Uhr zeigt das Thermometer noch 32 Grad an.

Mein Bus nach Cordoba geht erst um Mitternacht und so gebe ich mein Gepäck in der Aufbewahrung ab und erkunde etwas die Stadt. Ich setze mich in ein Strassencafe und beobachte die Szenerie. So langsam setzt die Abenddämmerung ein und hier und da ist weihnachtliche Lichterdeko zu sehen. Mir fällt auf, dass es hier unheimlich viele attraktive Frauen gibt, die hübsch gekleidet in kurzen Jeans, Miniröcken und gewagten Topps ihre Weihnachtseinkäufe erledigen. Ich geniesse diese Augenweide…. Es gibt auch viel mehr junge Leute hier als in Europa. In Argentinien ist die Bevölkerungspyramide noch eine wirkliche Pyramide und nicht so eine unförmige Zwiebel mit Bauchspeck wie in Deutschland. (wobei ich wohlgemerkt repräsentativer Teil dieser deutschen Zwiebel bin – mit 50 Jahren am jüngeren Ende der geburtenstarken Jahrgänge kurz vor dem Pillenknick, und (bisher) kinderlos..)

Eine halbe Stunde vor Mitternacht fahre ich mit dem Taxi zum Busterminal zurück. Ich hatte gehört, dass speziell Tucuman nicht so ganz ungefährlich sei und ich will das Risiko nicht eingehen mit all meinem Geld (viel Dollar-Bargeld, da man in Argentinien am Geldautomaten nur den offiziellen Wechselkurs bekommt, der ca. 50 % schlechter ist als der auf dem Schwarzmarkt) nachts durch weniger belebte Strassen zu laufen.

Der Bus kommt schliesslich mit über einer Stunde Verspätung an. Die tolle Ausstattung tröstet etwas über die Unpünktlichkeit hinweg. Die Sitzelehnen lassen sich vollkommen horizontal stellen und es gibt ein passendes Fussteil, dass die Sitzfläche waagrecht verlängert, so dass eine ebene, angenehm ledergepolsterte Liegefläche von ca 180 cm Länge entsteht. Das ist zwar etwas kürzer als meine Körpergrösse, aber in seitlicher Position mit leicht angewinkelten Knien gelingt es mir einigermassen zu schlafen. Vorhänge zum Gang hin schaffen sogar etwas Privatspähre. Da wir allerdings kurz nach dem Start noch mal irgendwo ca. 1 Stunde in einer Werkstatt stehen, summiert sich die Verspätung auf über 2 Stunden.

In Cordoba angekommen fahre ich sofort weiter nach Saldan, einem kleinen Ort, ca 20 km ausserhalb, am Beginn der grünen Hügel der Sierra. Dort treffe ich Roxana, eine der Töchter der befreundeten Familie aus Salta, die vor einem Jahr mit ihrem Freund zusammen hierher gezogen ist. Es ist ein schönes Wiedersehen und Martin, ihr Freund, ist auch sehr nett. Es gibt erst mal ein zünftiges Asado… Martin ist selbständiger Automechaniker und leidenschaftlicher Motorradfahrer. Er zeigt mir Videos aus Argentinien, die er während der Fahrt mit der Helmkamera aufgenommen hat: Von solch leeren Traumstrassen in atemberaubend schöner Landschaft kann man in Europa nur träumen. Da bekomme ich auch glatt wieder Lust auf das Reisen per Motorrad..

Roxana leidet seit vielen Jahren unter dem chronischen Müdigkeitssyndrom und ich bekomme mit, was das bedeutet. Arbeiten ist praktisch unmöglich, jede kleine Anstrengung benötigt ausgiebige, anschliessende Ruhephasen und es fällt schwer sich auf etwas zu konzentrieren. So ziehe ich am folgenden Tag mit Martin alleine los zu einer Geburtags-Garten-Poolparty bei einer Freundin, die orientalischen Tanz unterrichtet. Dort sind viele nette Leute und ich fühle mich etwas erinnert an die Zeit in Salta in den 90-ern, wo ich fast jeden Abend in irgendeiner netten Feierrunde in guter Stimmung verbrachte.

Am Abend kommt dann noch eine Freundin von Roxana mit ihrer bildhübschen 14 jährigen Tochter vorbei, wir machen gemeinsam Pizza und danach schieben wir den Tisch zur Seite und Martin gibt einen kleinen Grundkurs im Salsa-Tanzen. Wir kommen zwar immer wieder aus dem Takt, aber haben eine Menge Spass.

Andy, die Freundin von Roxana, lädt mich für den nächsten Tag zu sich nach Carlos Paz ein, ein Ferienort in der Nähe an einem schönen Stausee Sie hat dort ein kleines Häuschen mit Pool. Martin muss arbeiten und Roxana verbringt mehr oder weniger den ganzen Tag beim Arzt: Mittags 2,5 Stunden warten um für den Abend einen Termin zu bekommen und dann abends nochmals 2 Stunden warten- und das für max. 15 min bei dem Gott in weiss… Andy ist Sonderschullehrerin und hat ebenso wie ihre Tochter erst mal Sommerferien bis Ende Februar.

Am Abend lade ich Roxana dann in eine Trattoria ein, wo man nett draussen sitzen kann. Es schmeckt wunderbar und wir führen gute Gespräche. Allerdings lasse ich mir die Meeresfrüchte-Lasagna einige Stunden später noch mal durch den Kopf gehen, nachdem ich mit Bauchkrämpfen aufwache. Auch durch den Hinterausgang entweicht die Pasta in flüssier Form – Mist!

Für heute haben wir einen Ausflug in die Sierra geplant und ich weiss nicht so recht, ob ich fit genug dafür sein werde, bzw. ob ich nicht doch lieber ein Klo in der Nähe brauche..Aber um 10 Uhr geht es mir schon wieder besser, ein bisschen Schonkost und ein paar Okoubaka-Globuli scheinen den Magen zu beruhigen. Geplant haben wir, dass wir so ca. um 11 Uhr los zu fahren. Ich bin dann auch um 10:55 bereit, aber von Roxana noch keine Spur und ich will sie auch nicht stören. Mittlerweile ist es nach 14 Uhr und ich habe die Zeit zum Schreiben genutzt. Mit dem Ausflug wird es wohl nichts mehr, da die geplante Rundtour alleine 4 Stunden Autofahrt sind und ich heute abend den Nachtbus nach La Plata, Provinz Buenos Aires nehmen werde.


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Cafayate – Bunte Felsen und erlesene Weine auf 2000 m Höhe

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Die Argentinier haben ja eine unverwechselbare Aussprache. Sie sagen nicht Cafajate sondern Cafaschate. Keine 200 km von Salta entfernt ist der Charakter der Landschaft in Cafaschate vollkommen anders. Fast wüstenhaft trocken und an 340 Tagen im Jahr scheint die Sonne. Die bunten Felsformationen erinnern an den Südwesten der USA oder auch an Gegenden im marokkanischen Atlas-Gebirge – die Entfernung zum Äquator ist ja auch eine ähnliche…

Der 12000 Einwohner zählende Ort ist zwar einigermassen touristisch, aber er gefällt mir dennoch gut. Ruhig und entspannt – selbst an der Plaza kann man in in Ruhe ein Eis essen und das Flanieren wird einem nicht durch Autoverkehr verleidet. Ich lande in einem wirklich netten Hostel und ziehe gleich mit ein paar Schweizern los, die ich dort kennen lerne. Am kommenden Tag leihen wir uns Fahrräder aus, fahren mit dem Bus 50 km ans andere Ende der Schlucht und radeln dann die Strecke zurück. Die Felsformationen wie “Teufelsschlucht”, “Amphitheater”, “Schloss”, “Kröte” sind wirklich sehenswert. Ich bin zwar am Vortag die Strecke schon mit dem Bus gefahren, aber mit dem Fahrrad ist das Landschaftserlebnis ungleich intensiver. Nur die gnadenlos herunterbrennende Sonne laugt mit der Zeit aus, so dass wir 6 Stunden später vollkommen fix und alle, aber zufrieden wieder im Ort ankommen:

 

Am Abend taucht überraschenderweise Alfonsina mit Familie in Cafayate auf. Sie hatten mal so Bemerkungen gemacht, dass sie da auch schon länger nicht mehr gewesen wären und es schön fänden mal wieder hin zu fahren. Aber so wirklich damit gerechnet hätte ich jetzt nicht. Aber eine schöne Überraschung! Zum Abendessen um 22 Uhr treffen wir uns in grosser Runde, gemeinsam mit dem Schweizern.

Am kommenden Tag besichtige ich gemeinsam mit Alfonsinas Familie die erste Wein-Bodega mit einer kompetenten Führung, aber nicht gerade überragenden Wein. Am Nachmittag ziehe ich dann jedoch noch mal los mit einer Österreicherin und einer anderen Schweizerin aus dem Hostel und wir nehmen und zwei weitere Bodegas vor. Die Weinproben sind wirklich besser und die Stimmung wird mit zunehmenden Gläschen auch lockerer:

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Salta

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Nun bin ich also mal wieder in Salta, zum vierten Mal. Kurz 1992 als Tourist, 1993 fuer einige Monate quasi als Einheimischer, 2005 einige Tage zu Besuch und nun wieder – versuchend an alte Spuren anzuknuepfen.

Gerade die letzten 10 Jahre hat sich enorm viel veraendert. 2005 waren noch die Auswirkungen der schweren Wirtschaftskrise zu spueren, der Wohlstand beschraenkte sich auf wenige und alles war (fuer Europaer) spottbillig.

Mittlerweile hat sich die Wirtschaft zumindest innnerhalb des Landes stabilisiert, auch wenn auslaendische Investoren und Glaeubiger nicht so viel Vertrauen hatten, nachdem Schulden nicht zurueck gezahlt wurden und private Betriebe ueber Nacht ohne Entschaedigung verstaatlicht wurden.

Letztes Wochenende waren Wahlen und ab 10. Dezember tritt ein neuer Praesident an. Alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind froh, dass die Peronisten abgewaehlt wurden. Diese Linksregierung schreibt sich soziales Engagement auf die Fahnen, aber tatsaechlich findet viel Korruption, Manipulation und Postengeschacher statt. Der neue Praesident verspricht, dass die Posten nach Expertenwissen und nicht nach Parteibuch besetzt werden sollen – und hat damit viele Argentinier ueberzeugt.

Ich bin mal gespannt ob ich die naechsten Monate, waehrend meiner Zeit in Argentinien, schon erste Auswirkungen mitbekomme..

Das auffaelligste, was sich die letzten 10 Jahre veraendert hat ist der Autoverkehr. Jeder scheint mittlerweile ein Auto zu haben, die meisten sind sogar recht neu. Die meisten kommen aus argentinischer oder brasilianischer Produktion (Renault, Peugeot, Volkswagen), aber man sieht auch etliche Audis und BMW’s.

Die einstige Atmosphaere der Stadt ist damit ziemlich dahin. Ein Schlendern durch die schoenen Strassen mit ansprechender Kolonialarchitektur erstickt im Laerm und Autos stauen sich und verpesten die Luft. Lediglich die Plaza und die Fussgaengerzone laden noch zum Flanieren ein. Am Haus meiner frueheren Gastfamilie, wo ich derzeit wohnen kann, tost der Verkehr Tag und Nacht vorbei, so dass ich Ohrenstoepsel brauche um schlafen zu koennen. Die Folge ist, dass die viele in die ruhigeren Vororte oder aufs Land hinaus ziehen und in die Stadt hinein pendeln, was natuerlich noch mehr Verkehr verursacht.

Das Preisniveau ist den letzten Jahren deutlich angestiegen. Vor 10 Jahren war es noch bei 10-20 % des europaeischen Levels, mittlerweile sind wir bei ca. 50 %.

Das Asado bei David zu seinem Geburtstag war vorzueglich und es war schoen ihn wieder zu sehen. Ich glaube er hat sich auch gefreut. Aber irgendwie sind wir ueber smalltalk nicht hinaus gekommen.

Mit seiner Mutter, bei der ich gerade wohne, hatte ich viel intensivere Gespraeche und ich fuehle mich sehr herzlich aufgenommen. Es ist schoen, dass ich bei ihr wohnen kann.

Alfonsina, eine der Toechter, habe ich auf dem Lande besucht, wo sie mit Mann und zwei Kindern wohnt. Das war ein netter Nachmittag und die Kinder waren nach anfaenglichem Zoegern dann auch freudig zugewandt. Besonders Sofie, die dreijaehrige begruesste mich schnell freudig, waehrend Franko, der sechsjaehrige Bruder etwas laenger brauchte und erst mal scheues Verstecken spielte. Ich habe ihnen meine Hängematte aus dem Dschungel geschenkt und mich gefreut, dass sie Spass damit haben:

 

Alfonsina erzaehlte mir dann noch einige Details von den Streitigkeiten zwischen den Geschwistern, was alles sehr unerfreulich ist. Ich hoffe, dass das in meiner Familie nie passiert, dass wir wegen Geld und Erbschaftsdingen nicht mehr miteinander reden und die Anwaelte aufeinander hetzen.

Vorgestern habe ich nochmal am Biodanza teilgenommen: Gruppenabschluss vor der Sommerpause. Erst Ende Februar wird es weiter gehen. Das war nett, aber anhaltende Kontakte haben sich nicht ergeben.

Gestern war ich auf dem Hausberg, auf den mittlerweile eine Seilbahn hinauf fuehrt, aber ich bin natuerlich hoch gelaufen, des Trainings wegen – wie viele andere auch. Ober war vom roten Kreuz sogar eine Sportstation aufgebaut, kostenlose Bewegungsanimation mit motivierender Musik…

Abends kamen dann so etliche Leute auf Besuch vorbei. In typisch argentinischer Manier ruft man nicht etwa vorher an und macht Termine aus, sondern man schneit einfach so mal rein. So habe ich gestern abend ein paar Leute kennen gelernt und Alfonsina war auch noch mal mit den Kindern da.

Interessant sind die Essgewohnheiten in Argentinien. Man isst in der Regel 4 Mahlzeiten. Fruehstueck (recht simpel), Mittagessen (wobei die Suppe NACH dem Hauptgang serviert wird), dann gibt es am fruehen Abend Tee und eine Brotzeit und das eigentliche Abendessen findet dann zwischen 22 und 24 Uhr statt, fett, fleischlastig und reichlich… also ideale Voraussetzungen, dass man ueber Nacht so richtig schoen Fett auf den Rippen ansetzen kann…

So langsam spinne ich schon Plaene weiter zu reisen, Richtung Cafayate, Cordoba, Buenos Aires, La Plata, Patagonien…Ich habe Salta wieder gesehen, meine Freunde dort getroffen und gemerkt, dass sich die Stadt nicht unbedingt zu ihrem Vorteil verändert hat. Welches Glück ich damals hatte in dieser Familie so herzlich aufgenommen zu werden und jeden Abend mit einem der “Kinder” losziehen zu können. Ich fühlte mich wie ein fünftes Kind der Familie. Das ist immer noch so, dass ich mich eng mit dieser Familie verbunden fühle. Aber die Zeiten haben sich geändert, der Zusammenhalt der Familie ist nur noch in Teilen vorhanden. Als ich dann einen Abend alleine los gezogen bin und in einer neuen Vergnügungsmeile so für mich an einem Tisch sass und mein Bier geschlürft habe, da habe ich mir gedacht, ich könnte eigentlich auch schon früher wieder aufbrechen. Am nächsten Tag bringe ich das Thema bei meiner Gastgeberin auf den Tisch und merke an der Reaktion, dass sie sehr enttäuscht wäre, wenn ich schon fahren würde. Es ist schön mich wirklich herzlich willkommen zu fühlen und einen Platz zu haben , an dem ich mich zuhause fühlen kann. Also beschliesse ich noch ein paar Tage zu bleiben. Ich kann ausschlafen (obwohl die Strasse direkt vor meinerm Fenster ist und es sich anfühlt als ob der Verkehr direkt durch Zimer dröhnt  – eigentlich eine schöne, gehobene Gegend der Stadt, aber wie sich der Autoverkehr die letzten 10 Jahre entwickelt hat, würde ich von dort wegziehen, wenn es mein Haus wäre). Ich kann am Computer arbeiten (was ich auch recht ausgiebig tue auf der weiteren Suche nach Online-Arbeitsmöglichkeiten), ich kann mit der Mutter des Hauses lange Gespräche führen, gemeinsam kochen und essen, Wein trinken, Filme anschauen….

Und ich mache ein paar Ausflüge. Alfonina lädt mich nochmal ein zu ihr rauszufahren und ich mache auch ein paar Ausflüge alleine, lese, schreibe, geniesse das schöne sommerliche Wetter, mache sportliche Touren auf den Hausberg.

Einmal fahre ich hinaus nach Campo Quijano zu der Firma, wo ich damals mein Praktikum gemacht hatte. Die Firma gibt es noch, aber offenbar ist es ähnlich wie 1993: Es wird nicht viel in Neues investiert und nur eben das am Laufen gehalten, was existiert. Damals bin ich viel mit dem Produktionsleiter herum gezogen und habe seine täglichen Reparaturen verfolgt. Es erschien mir eher eine Reaktion als ein präventives Vorgehen. Das passt zur argentinischen Mentalität: Nicht viel voraus planen, sondern spontan mit dem Sein was gerade ist. Zuvor war ich einige Monate im Borax-Tagebau auf 4200 m Höhe gewesen, wo ich den Verfeinerungsprozess dieser seltenen Substanz verfogen durfte. Bis es dem Chef dort irgendwann mal spanisch vorkam, dass ich so viele neugierige Fragen stellt und alles im Detail verstehen wollte. Er hielt mich offenbar für einen Spion und versetzte mich die restlichen 3 Wochen in ein anderes Werk, wo es so gut wie nichts zu sehen gab:

Auf meinen Spaziergängen stosse ich auch auf Heldengedenkstätten des Malvinas-Krieges. Die Engländer hatten damals diese 19000 km entfernte Inselgruppe vor Argentinien zurück erorbert, nachdem die argentinische Junta versucht hatte diese zu anektieren. Dieses Portal soll daran erinnern, dass Argentinien ein Stück des Vaterlandes fehlen würde. Die paar Engländer, die dort wohnen, nennen sie Falkland-Islands:

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Durch Campo Quijano fährt auch der berühmte Touristenzug “tren a los nubes” (Zug in die Wolken), der ab hier hoch in die Anden auf fast 5000 m steigt:

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Meine Stimmung ist oft nicht die Beste. Ich fühle eine ziemliche Antriebsschwäche, mag morgens gar nicht so recht aufstehen, bin träge und sogar etwas depressiv.

Vielleicht hatte ich insgeheim doch gehofft, in Salta wieder nahtlos an alte, gute Zeiten anknüpfen zu können, vielleicht mich dort so heimisch zu fühlen, dass ich gar nicht mehr weg möchte. Aber ich merke, dass das nicht mein Platz zum Leben ist. Vielleicht ist es diese Ent-Täuschung, die mich müde macht. Oder vielleicht ist es auch die freundliche Möglichkeit an einem Platz einfach nichts machen zu müssen und mich dennoch akzeptiert zu fühlen. Oder ich gebe einer Müdigkeit Raum, welche die letzten Wochen des Reises in mir hinterlassen hat…

Wie dem auch sei, ich bin heute weiter gezogen und in Cafayate, 200 km südwestlich angekommen. Ein nettes Dorf, das für seine Arizona-ähnlichen Schluchten, Felsformationen und sehr guten Wein bekannt ist.

 


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